Aber auch bei einer grundlegenden Bereitschaft zu „Organisationsveränderung vor Standardsoftware­veränderung“ zeigen größere WWS-Projekte erfahrungsgemäß immer noch nicht unerhebliche individuelle Anpassungs- und Erweiterungswünsche. Fachabteilungen tendieren vielfach dazu, die aktuelle Lösung nachbauen zu wollen und sehen (ggf. auch gleichwertige) alternative Lösungen der ERP / WWS Standardsoftware zunächst skeptisch. Etwas Neues wird oftmals immer als „schlechter“ angesehen, alleine dadurch, dass es anders und unbekannt ist. Wichtig sind hierbei eine umfassend Einbindung der Fachabteilungen und ausreichende Schulungen mit der neuen Software, um die Vorteilhaftigkeit auch alternativer Abläufe erkennen und verstehen zu können.

Berechtigte Anforderungen sind durchaus individuell umzusetzen, bei „gleichwertigen“ Lösungen in der Standard­lösung sollte aber zwingend eine Anlehnung an die Standardsoftware erfolgen. Im Projekt sollte daher hohe Hürden geschaffen werden, um individuelle Entwicklungen zu rechtfertigen. Z.B. kann eine grobe Wirt­schaft­lichkeitsbetrachtung gefordert werden, die auch die Folgekosten einer Individualentwicklung für die nächsten 10 Jahre inklusive ein oder mehrerer zu erwartenden Release-Wechsel berücksichtigt. So gibt es in der Literatur beispielweise Forderungen, Individualanpassungen in Software-Einführungsprojekten nur dann vorzunehmen, wenn die Einspa­run­gen innerhalb des ersten Jahres mindestens ein Vierfaches der Anpassungskosten ausmachen, da ansonsten die langfristigen Kosten der Anpassung nicht gerechtfertigt sind.

Mit einer bewussten Betrachtung und ausreichend gewichteten Bewertung der Flexibilität von WWS-Lösungen im Rahmen der Softwareauswahl und einer konsequenten Hinterfragung der Notwendigkeit tatsächlicher individuellen Anpassungen im Rahmen der Software-Einführung kann der individuelle Entwicklungsanteil in Einführungsprojekten deutlich gesenkt werden, mit einem erfahrungsgemäß erheblich positiven Effekt auf die Projektlaufzeit und ‑kosten.

(Gemeinsam verfasst von Dr. Oliver Vering, Prof. Becker GmbH und Peter Treutlein, Trovarit AG)

About Peter Treutlein

Peter Treutlein betreut seit der Gründung des Unternehmens im September 2000 als Vorstand der Trovarit AG u.a. die Bereiche Projektbetreuung und Contentmanagement. Der Spezialist für Auftragsabwicklung, Supply Chain Management und Informationsmanagement berät seit Jahren erfolgreich Unternehmen bei der Auswahl, Einführung und Optimierung von ERP-Systemen. Herr Treutlein ist Autor mehrerer Bücher zum Thema und seit März 2005 Lehrbeauftragter des Landes Baden-Württemberg an der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen zur „Produktionsplanung in der industriellen Fertigung“ im Rahmen des MBA-Studiengangs.