Aus der im ersten Teil des Beitrags („Beschaffung von ERP / WWS Software im Handel“) beschriebenen Problematik ergeben sich einige wichtige Aspekte im Hinblick auf die WWS-Auswahl und ‑Einführung.

Hohe ERP / WWS Flexibilität & Release-Fähigkeit

Erstens sollte bei der Auswahl in besonderer Weise auf die Flexibilität und die Anpassungsmöglichkeiten der Software geachtet werden. So stellt sich die Frage, welche Einstellungs-, Parametrisierungs- bzw. Customizing-Möglichkeiten die Software im Standard beitet. Typische Aspekte sind die Erweiterung von Stammdaten und Belegen um eigene individuelle Felder, das Anpassen von Masken (z.B. Felder aufnehmen, Felder ausblenden, Feldreihenfolgen anpassen), eine flexible Definition des Status von Stammdaten und Vorgängen mit Auswirkung auf die dann möglichen Funktionen bzw. Prozesse sowie die Definition eigener Regeln bzw. Makros.

Letzteres kann beispielweise für Vervoll­ständigungslogiken bei Stammdaten, wie z.B. die automatische Ableitung einer Haus-Warengruppe aus einer Lieferanten-Warengruppe bei der Artikelanlage, oder für projektindividuell erstellte Validierungsprüfungen oder automatisierte Folgeaktivitäten als Reaktion auf bestimmte Maskeneingaben genutzt werden. Beispiele hierfür sind etwa die Attribut-Mapping-Regeln bei Höltl RetailFlowEnterprise (RFE) oder die integrierte Makro-Sprache bei abas ERP.

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Ziel sollte eine möglichst hohe Individualisierbarkeit der Standardsoftware bei gleichzeitiger Er­haltung der Release­-Fähigkeit sein. Die aktuelle Studie „ERP in der Praxis“ der Trovarit zeigt diesbzgl. deutlich, dass die ERP/WWS-Anwender ihre eingesetzten Softwarelösung bei diesen Aspekten sehr unterschiedlich bewerten (siehe Abbildung 1). Offenbar müssen Anwender bei vielen ERP-Lösungen entweder Abstriche bei der Release-Fähigkeit oder bei der Flexibilität hinnehmen.

Bei der Bewertung möglicher Softwaresysteme sind die Aspekte im Bereich der „Flexibilität“ dementsprechend auch angemessen zu gewichten. Kurz- und vor allem langfristig – gerade bei sich im Zeitverlauf ändernden Anfor­derungen – bringen Funktionalitäten, wie freie Maskengestaltung, Makro-Programmiersprache oder auch ausgeprägte Workflow-Funktionalitäten, vielfach deutlich mehr Nutzen als die letzte fachliche Detail­funktio­na­lität.

(Gemeinsam verfasst von Dr. Oliver Vering, Prof. Becker GmbH und Peter Treutlein, Trovarit AG)

About Peter Treutlein

Peter Treutlein betreut seit der Gründung des Unternehmens im September 2000 als Vorstand der Trovarit AG u.a. die Bereiche Projektbetreuung und Contentmanagement. Der Spezialist für Auftragsabwicklung, Supply Chain Management und Informationsmanagement berät seit Jahren erfolgreich Unternehmen bei der Auswahl, Einführung und Optimierung von ERP-Systemen. Herr Treutlein ist Autor mehrerer Bücher zum Thema und seit März 2005 Lehrbeauftragter des Landes Baden-Württemberg an der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen zur „Produktionsplanung in der industriellen Fertigung“ im Rahmen des MBA-Studiengangs.